Mozart und Bayreuth


von Frank Piontek

Im Jahre 1779 erschien ein Buch in Bayreuth, das einen langen Titel trug: Versuche im musikalischen Drama, nebst einigen Anmerkungen über die Geschichte und Regeln desselben, wie auch über die Moralität und Vortheile des Theaters. Hier konnte der Theaterfreund die Notiz lesen, dass „die Semiramis ein musikalisches Drama des Freyherrn von Gemmingen (...) jetzt den Hrn. Mozard Kapellmeister zu Salzburg“ beschäftige. Wer sich in Mozarts Werkverzeichnis auskennt, wird wissen, dass er keine einzige Note eines geplanten Semiramis-Melodrams hinterlassen hat.
Diese seltsame Notiz gehört zu den auffallend vielen Sonderbarkeiten, die Wolfgang Amadé Mozart mit Bayreuth verbinden. Nein, hier soll es nicht zum wiederholten Mal um das Bäsle gehen, das von 1814 bis 1841 in Bayreuth lebte, sondern um einige Details von Mozarts Beziehung – oder eben: Nicht-Beziehung – zu Bayreuth. Nein, er war nicht einmal – wie Goethe – wenigstens ein paar Stunden in der Stadt am Roten Main zu Gast, doch gibt es genügend seriöse und seltsame Bayreuther Mozartiana, die es erlauben, den Komponisten nicht erst posthum mit Bayreuth zusammenzubringen. Sie betreffen verschiedenste Aspekte von Mozarts Lebens-, Werk- und Rezeptionsgeschichte, die am Rande liegen mögen. Allein noch mit den randständigen Phänomenen lassen sich jene Mosaiksteine gewinnen, die aus dem Mozart- (und Bayreuth-)Bild erst ein großes Ganzes machen.

Natürlich gab es einige ernsthafte Anlässe, die Bayreuth mit Mozart verbanden. Man reiste von Hof zu Hof und von Stadt zu Stadt – nur leider geriet Bayreuth nie in den Fokus der mozartschen Aufmerksamkeit. Immerhin wird der Markgraf ein einziges Mal erwähnt: Als Mozart mit seiner Mutter allein von Salzburg nach Paris reist, schreibt ihm Leopold Mozart am 13. Oktober 1777: „Nun war vormals in Anspach bey dem Markgrafen (...) etwas zu thun“. Der Vater schränkt jedoch sofort ein: „Wenn an solchen Ort die ganze Musik NB ich sage die ganze Musik abgedankt worden; dann ist es freilich ein Zeichen, dass kein geld mehr da ist: und wenn kein accompagnement mehr da ist, – kann man sich freilich nicht mehr producieren.“
Die Bayreuther Musikkultur sah nach dem Tode Wilhelmines und Friedrichs sehr schlecht aus. Der seit 1763 regierende Spartaner Markgraf Friedrich Christian, hatte einen konservativen Musikgeschmack, der sich auf französische Menuette caprizierte. Es gab keine Opern, es gab heitere Musiken an der einsamen Tafel. Nach seinem Tod verließen die Hofmusiker die Stadt, danach bildete der Stadtmusikus Johann Friedrich Heinel eine bürgerliche Musikkapelle, die ab 1779 einige Konzerte im Goldenen Adler und im Goldenen Anker gab. Das war es denn auch schon.
Was sonst noch an Bayreuthischem in Salzburg interessierte, konnte man der Tagespresse entnehmen. Am 26. Januar 1778 teilte Vater Leopold dem in Paris weilenden Sohn und der Frau mit, dass „der König in Preussen nach dem Todt des Markgrafen von Anspach die Anwartschaft auf Bareyt und Anspach“ habe. Der Bayerische Erbfolgekrieg hatte gerade begonnen, in dem es unter anderem um das Doppelfürstentum ging. Diese beiden Fürstentümer sollten aufgrund von Erbverträgen Preußen zufallen, doch der österreichische Kaiser Joseph II. grollte und bot bayerische Landesteile an, wenn Preußen die Markgrafschaften einem österreichischen Prinzen geben sollte. Friedrich II. schlug daraufhin die Abtretung der Markgrafschaften gegen sächsische Landesteile vor, was bekanntlich ausblieb.
Umgekehrt wurden die Bayreuther gelegentlich zeitnah über Mozart-Ereignisse unterrichtet: Bereits am 26. Mai 1770 liest man in der Bayreuther Zeitung eine Meldung, die die römische Karriere des vierzehnjährigen Wundermusikers im Licht der Sensation beleuchtet: „Aus Italien, vom 8. März [!]. Ein junger Mensch von 13 Jahren, namens Wolfgang Motzhart, ist jetzt die Bewunderung von Rom. Er excelliret auf dem Clavier und ist schon Concertmeister des Erzbischofen zu Salzburg.“
Auch von Aufführungen einiger der großen Opern ist später die Rede. Die Bayreuther Zeitung vermeldete schon am 14. Februar 1786, eine Woche nach der Premiere des Schauspieldirektors, dass dieses Werk in Schönbrunn gespielt worden sei. Die Premiere des Don Giovanni erfährt dagegen keine Erwähnung, immerhin annonciert der Prager Musikalienhändler Anton Grams im Februar 1788 in der Bayreuther Zeitung die Partitur und den Klavierauszug des Dramma giocoso.
Vom Figaro findet sich in der Bayreuther Zeitung keine Spur, die Uraufführung des Tito wird als „eine Oper“ abgehakt, aber Die Zauberflöte erhält am 16. Oktober 1791 ihre Würdigung durch eine ausführliche Notiz: samt Lob „unseres berühmten Virtuos Herr Mozart“ – zwei Monate, bevor ein Nachruf, acht Tage nach dem Tode Mozarts veröffentlicht, den „unersetzlichen Verlust“ des „Hr. Mozardt“ beklagt.


Friedrich Wilhelm August Carl Graf von Bose (geb. 1753 in Bayreuth), Sohn des älteren Herrn von Bose (1784)

Als Mozart sechseinhalb Jahre alt war, begegnete ihm Mitte Juni 1763 im Münchener Gasthof Zum goldenen Hirschen ein Bayreuther Hofmann: Friedrich Carl Graf von Bose, der zusammen mit Georg Wilhelm von Hopfgarten nach Paris reiste. Man begegnete sich noch öfters auf der Reise wieder und besorgte sich gegenseitig Quartiere. Geboren am 23. Mai 1726, wurde Bose 1746 sächischer Kammerherr. Er war von 1753 bis 1763 Bayreuther Oberhofmarschall, als solcher auch Mitglied der Bayreuther Freimaurerloge Zur Sonne. Ab 30. Dezember 1763 amtierte er als kursächsischer Oberkammerherr, bevor er am 21. Juni 1767 in Dresden starb.
Selbst hier begeben wir uns auf das Feld der Bayreuther Mozart-Merkwürdigkeiten. Zum einen verwechselt der Herausgeber der maßgeblichen Edition aller Mozart-Briefe den älteren Monsieur de Bose mit dem jüngeren: Es wäre kurios, wenn Herr von Bose bereits mit zehn Jahren ein „sächsischer Rat“ gewesen wäre. Zum anderen wohnte Maria Anna Thekla Mozart, das „Bäsle“, von 1814 bis 1841 in der sogenannten Postei, Friedrichstrasse 15. Es wechselte in kurzen Abständen die Besitzer – und unter diesen befand sich jener Graf Friedrich Carl von Bose, der hier mit seiner Familie wohnte – sodaß im Abstand von 50 Jahren in einem Bayreuther Haus die zwei Bayreuther Persönlichkeiten wohnten, die Mozart in seinem Leben belegbar begegnet sind. Zu den weiteren Sonderbarkeiten der Bayreuther Mozart-Hausgeschichte zählt die Tatsache, dass bis 1965 das Haus Ludwigstrasse 7 für das Sterbehaus der Maria Anna Thekla Mozart gehalten wurde.
Leopold Mozart hielt große Stücke auf den älteren Grafen, wie Bose selbst den kleinen Mozart bewunderte. Am 1. April 1764 gab Leopold Mozart den beiden Sachsen – „unsere treuen Reisefreunde“ nennt er Bose und Hopfgarten – Empfehlungsbriefe nach Salzburg zu seinem Hauswirt Lorenz Hagenauer mit, „damit sie nicht nur alles sehen, was zu sehen ist, sonderen dahin zu trachten, dass ihnen bey Hofe alle Ehre erwiesen wird.“ Auf der Reise hat man sich gegenseitig Quartiere bestellt und freundschaftlich kennengelernt: „Hier werden sie 2. Menschen sehen, die alles haben, was ein ehrlicher Mann auf dieser Welt haben soll: und wenn sie beyde gleich Lutheraner sind; so sind sie doch ganz andere Lutheraner, und Leuthe, an denen ich mich oft erbauet habe.“ Im Übrigen: „ihr Umgang wird ihnen Tausend vergnügen machen“. Bose gab den Dank zurück. In Paris machte er Mozart ein Buchgeschenk („geistliche Betrachtungen in Reimen“, wie Leopold Mozart mitteilt) mit einer schönen Widmung: „Nimm, kleiner, 7jähriger Orpheus, dieß Buch aus der Hand Deines Bewunderers und Freundes! Lies es oft, -- und fühle seine göttlichen Gesänge, und leihe ihnen /: in diesen seeligen Stunden der Empfindung:/ deine unwiederstehlichen Harmonien; damit sie der fühllose Religionsverächter lese,-- und aufmerke! -- damit er sie höre – und niederfalle, und Gott anbethe.“
Mit diesem Buch hängt eine weitere Mystifikation zusammen, denn ob die „geistlichen Betrachtungen in Reimen“, wie gewöhnlich behauptet, wirklich von Gellert stammen, ist offen. Mit dieser Spekulation hängen einige Gesänge zusammen, die unter den Köchel-Verzeichnis-Anhangsnummern 278-283 als mozartsche Gellert-Vertonungen firmieren, inzwischen aber Mozart abgeschrieben wurden – womit sich auch auf werkgeschichtlicher Ebene eine über Bayreuth, genauer: einen Bayreuther konstruierbare Beziehung als Holzweg erwiesen hat.


Madame Cornelys in London, ehemalige Bayreuther Sängerin, vielleicht Geliebte des Markgrafen Friedrich

Eine weitere „Bayreutherin“ gehört in den unmittelbaren Umkreis der Mozarts. In Leopold Mozarts Londoner Reisenotizen von 1765 findet sie sich als „Madame Cornelys“. In den Memoiren Giacomo Casanovas trägt sie noch ihren Geburtsnamen: Teresa Imer. Nachdem die Sängerin bereits dem jungen Casanova – gleichsam auf dem Spielplatz – begegnet war, traf sie – „blond, hübsch, voll Geist und Begabung“ – ihn 1753 wieder; die Begegnung – da „wir uns ein- oder zweimal liebten, aber nicht mehr wie Kinder, sondern wie ein richtiges Liebespaar“ – zeitigte ein Kind. Dann ging sie mit ihrem Mann nach Bayreuth, „wo sie“, wie Casanova schreibt, „die Maitresse des Markgrafen wurde“, ja: „durch den Markgrafen Karriere machte“. Als Casanova 1758 Teresa in Amsterdam wiedertraf, erklärte sie ihm, dass Sophie, die in Bayreuth zur Welt gekommen war, seine Tochter sei: „Wir hatten uns zu Beginn des Himmelfahrts-Jahrmarktes 1753 geliebt, und Sophie war in Bareith (!) am letzten Tag des Jahres zur Welt gekommen“ – doch ist die Sache sehr obskur.
Als „Madame Cornelys“ übernahm die ehemalige Bayreuther Sängerin 1761 das Carlisle House im Londoner Soho Square. Hier fanden aristokratische Feste und Bälle statt – und hier begegnete sie vielleicht den Mozarts, als sie in London gastierten. Seit 1764 veranstaltete Madame Cornelys Subskriptionskonzerte, die unter der musikalischen Leitung von Johann Christian Bach und Karl Friedrich Abel stattfanden – aber ob Leopold Mozarts Plan, in Soho Square zu konzertieren, erfolgreich war, ist unwahrscheinlich. Es wird wenigstens zu einer Geschäftsverhandlung gekommen sein.

Aus Bayreuth kam gelegentlich Besuch nach Salzburg. Im September 1784 gastiert die „markgräflich-Anspachische und Bayreutschen Hofschauspieler-Gesellschaft“ unter ihrem Prinzipal Carl Ludwig Schmidt an der Salzach. Als Tenor, Geiger und Komponist (etwa des bedeutenden Singspiels Das gräfliche Fräulein) wurde er um 1782 ein Mitglied des Gräflich-Nostizischen Operntheaters zu Prag (des späteren Ständetheaters, in dem Don Giovanni uraufgeführt wurde), 1784 deren Direktor. Man spielt in Salzburg Die Entführung aus dem Serail, und der strenge Leopold Mozart war sehr zufrieden. Der Prinzipal scheint ein ernsthaftes Qualitätsbewußtsein gehabt zu haben: „Ich kann unter vier Wochen ein neues Werk mit Ehre nicht einstu­dieren, da wir immer nebenbey alle Wochen 3 Stück einzustudieren haben.“

Auch zur Zauberflöte gibt es einen bemerkenswerten Bayreuther Bezug: In Mozarts Geburtsjahr entwarf die Markgräfin Wilhelmine ihr Opernlibretto Amaltea. Im Anhang findet sich der Text zu einer Balletpantomime: Osiride e Iside. Die Pantomime zeigt die Liebesgeschichte der beiden Götter, die glücklich endet. Der Dolch, die Rache, die Strahlen, die die „böse Frau“ vernichten, ein Geheimnis, das neue Herrscherpaar, das am Ende unter dem Wort des göttlichen Regenten und den Jubelrufen des Volkes vereinigt wird – natürlich erinnert all das an wichtige Elemente und szenische Momente der Zauberflöte. Wilhelmines Interesse am alten Ägypten fußte nun nicht auf einer archäologisch bedingten Ägyptomanie, sondern auf der Tatsache, dass die Freimaurerei, als Kult der Egyptischen Geheimnisse und der Isismysterien, sich direkt auf die Mysterienkulte des alten Ägypten bezog. Mozarts Zauberflöte entspringt genau diesen Quellen, ist also ideengeschichtlich direkt mit jenem „Geheimkult“ verknüpft, der in der Bayreuther Schloss-Loge, ab 1753 in der Loge Zur Sonne unter der Leitung des Markgrafen Friedrich praktiziert wurde. Man denke auch an die „Schlange“, die Tamino verfolgt: Das im Park der Eremitage eine Drachenhöhle zu finden ist, weist auf den beschützenden Aspekt der chinesischen Glückstiere hin, doch schwingt vielleicht die Bedeutung der Drachen als Symboltiere eines grauenhaften Unterweltsreiches mit, denen man sich (wenn sie nicht gerade von drei Damen getötet werden) in einer Prüfung mutig aussetzen muss, um schließlich wieder an das Licht der Oberwelt zu geraten.
Auch auf der Ebene des Bühnenbildes (mit dem Sonnen- und Weisheitstempel) lassen sich Parallelen zwischen der Zauberflöte und der architektonischen Welt der Wilhelmine von Bayreuth feststellen. Der Prüfungstempel, der Palmhain – diese Orte bezeichnen sakrale Stätten der Markgrafenzeit, die der Besucher noch heute in Bayreuth besichtigen kann. Nur am Rande sei auf die Zauberflöte-Radierungen des Abraham Wolfgang Küffner hingewiesen, die 1797 publiziert wurden – denn Küffner ist, als gebürtiger Betzensteiner, der einzige in der Nähe Bayreuths geborene Oberfranke, der mit der frühen Mozart-Illustrationsgeschichte eng zusammenhängt.



Friedrich Rochlitz (1769 – 1842): er fälschte den Mozart-Brief an den „Baron von Aufsess“

Die wirkungsmächtigste Mystifikation, die Bayreuth und Mozart betrifft, dreht sich um einen höchst obskuren Brief. Dieses angeblich 1790 in Prag geschriebene Schreiben „an Baron von...“ wurde 1815 erstmals vom Musikschriftsteller Friedrich Rochlitz publiziert. Interessant ist er im Bayreuther Kontext, weil die Briefausgabe einen weiteren Abdruck mit einer dritten Fundstelle mitteilt: lau Leipziger Neueste Nachrichten von 1903 habe Mozart den Brief an den „Baron von Aufsess in Bayreuth“ geschrieben – doch ist es  sicher, dass das Schreiben, das garantiert an keinen Baron von Aufsess adressiert wurde, zumindest teilweise gefälscht ist.
Interessanterweise aber finden wir Ende des 18. Jahrhunderts einen derartigen Adligen in der indirekten Umgebung Mozarts: Veit Carl Dietrich Bernhard Freiherr von und zu Aufseß. Er wurde 1734 geboren und diente als k.k. österreichischer General-Feldwachtmeister im Türkenkrieg, der von 1787 bis 1792 dauerte. Sein unmittelbarer Vorgesetzter war Friedrich Josias von Coburg-Sachsen-Saalfeld, der 1789 die türkische Hauptarmee schlug und dafür den Titel eines Feldmarschalls erhielt – für diesen Mann komponierte Mozart den Contretanz Der Sieg vom Helden Koburg KV 587. Coburgs Chef war Ernst Gideon von Laudon, der am 8. Oktober 1789 Belgrad und Semendria eroberte, damit den Feldzug beendete und den Titel des Generalissimus verliehen bekam – für diesen Mann schrieb Mozart KV 608: Allegro und Andante (Fantasie in f) für eine Orgelwalze. Veit Carl Dietrich Bernhard Freiherr von und zu Aufseß kämpfte für Coburg und Laudon, wurde am 8. Juni 1790 verwundet und lebte von da an im Schloss Unteraufseß. Er starb im Jahre 1800 in Bamberg, wo er in der Oberen Pfarre bestattet wurde.
Wie man sieht, gibt es durchaus indirekte Verbindungen eines „Baron von Aufseß“ zu Mozart – doch der Inhalt des vermutlich aus mehr oder weniger authentischen und erfundenen Passagen collagierten und überarbeiteten Briefes lässt keinen Zweifel daran, dass die Information der Leipziger neuesten Nachrichten erfunden war. Faszinierend aber bleibt die Möglichkeit, selbst mit Hilfe dieser Fälschung einen realen Oberfranken zu entdecken, der mit Männern bekannt war, denen Mozart zwei interessante Werke abgewann.


Maximilianstraße 39: hier befand sich der Verlag des Johann Andreas Lübeck, in dem das Buch von Rößig erschien (Photo: Frank Piontek)

Das Wichtigste zum Schluß: Immerhin ein musikdramatisches Werk Mozarts hat spektakulärerweise seine szenische Uraufführung in Bayreuth erlebt: Il sogno di Scipione KV 126, eine Azione teatrale, die 1771 zur Erinnerung an die 50-jährige Priesterweihe des Erzbischofs Schrattenbach zur Aufführung kommen sollte. Eine Salzburger Aufführung ist nicht nachweisbar; erst 1979 wurde es zur Eröffnung der Salzburger Mozartwoche am Ort der Entstehung gespielt, allerdings nur konzertant. So kam das Werk am 22. August 1982 in Bayreuth auf die Bühne – natürlich nicht im Festspielhaus, auch nicht im repräsentativen Markgräflichen Opernhaus. Die Produktion fand beim Jugendfestspieltreffen Bayreuth statt, wo Scipios Traum im Europasaal des Jugendkulturzentrums uraufgeführt wurde.
Allerdings war der Regisseur Heinz Balthes vom Stück selbst kaum überzeugt – und auch dies ist eine der Absurditäten der Bayreuther Mozart-Geschichte: „Ich will es provokativ sagen: Das Stück ist zu schlecht und die Musik zu schwer. Das theatralische Element geht ihm vollständig ab“. Inzwischen hat eine witzig-tiefsinnige Aufführung wie die der Salzburger Festspiele 2006 bewiesen, dass der Scipio absolut theatertauglich ist. Über die thematische Intelligenz des Stücks muss gleichfalls nicht gestritten werden, denn es bietet genug Material, um mit ihm eine philosophisch-theologische Geschichte der theologisch inspirierten Aufklärung zu skizzieren.
Was Mozart und Bayreuth betrifft, so haben wir es also mit einem Werk zu tun, das vermutlich nie geschrieben wurde, mit geistlichen Gesängen und einer Casanova-Tochter von zweifelhafter Echtheit, mit einem obskuren Brief an einen falschen Bayreuther Adressaten, mit einer unechten Mozart-Oper und einem doppelten Mozart-Haus, aber auch mit einem ehrlichen Theaterdirektor, mit einer Zauberflöten-Variation, einer Mozartopern-Uraufführung und nicht zuletzt einem sympathischen Grafen, der das Glück hatte, Mozart begegnet zu sein und ihn erkannt zu haben – was schlussendlich mehr wiegt als die 27 Jahre, die das „Bäsle“ fast spurlos in Bayreuth verbrachte.