Mit Mozart durch Mannheim


Mannheim war von 1720 bis 1778 Residenz der Kurfürsten von der Pfalz, eine absolutistische Stadtgründung (1607) der Aufklärung mit einer der größten sternförmigen Stadtbefestigungsanlagen des Kontinents, einem der größten barocken Schlösser und der noch heute nachzugehenden Einteilung in Quadrate, die um zwei Hauptachsen angeordnet sind, von denen eine direkt zum Schloss führt. In die Quadrate nahe dem Schloss führen wir Sie auf Mozarts Wegen. Die Kurfürsten des 18. Jahrhunderts Carl Philipp und besonders Carl Theodor waren Förderer von Wissenschaften, Künsten und Musik, was sich auch in ihren innerstädtischen Bautätigkeiten niederschlug. Vieles davon ging im Kriegsjahr 1943 dahin, die heute zu besuchenden Reste sind den Mannheimern umso teurer. – Beide Kurfürsten ließen die Hofkapelle anwachsen, zuletzt auf 94 Mitglieder, und machten sie durch die Bedeutung einzelner Instrumentalisten und ihrem schulebildenden Einfluss auf die jeweils nächste Schülergeneration im europäischen Musikleben tonangebend. Dies war der Grund dafür, dass W.A.Mozart allein und mit seiner Familie die Stadt an Rhein und Neckar insgesamt viermal besuchte. Er lernte hier modernste Orchesterinstrumentation kennen, neue Gattungen wie die Konzertante Sinfonie, die sogenannte „Reformoper“ als Ablösung der alten „opera seria“, das Melodram und das deutschsprachige bürgerliche Musiktheater.


W.A.Mozart reiste erstmals im Juli 1763 auf der großen Europareise mit den Eltern und der Schwester Nannerl nach Mannheim. Eine Zäsur im Leben des jungen Künstlers setzte freilich vor allem sein fünfmonatiger Aufenthalt in den Jahren 1777 und 1778, als er, nur von seiner Mutter begleitet, nach Mannheim kam. In dieser Zeit begann die Emanzipation von seinem Vater, der ihm bis dahin Lehrer, Mentor und Lebensplaner war. Hier machte er musikalische, aber besonders menschliche Erfahrungen, positive im geselligen Freundeskreis der wichtigsten Mannheimer Musiker aus den Familien Cannabich, Danner, Fränzl, Holzbauer, Wendling, aber auch negative mit Neidern. Er fand privates Glück in der Liebe zur jungen Sängerin Aloysia Weber, vertieft auf einer gemeinsamen zehntätigen Reise an den kleinen Hof der Prinzessin von Nassau-Weilburg im nordpfälzischen Kirchheim-Bolanden. Auf der Rückreise besuchte man einen Verwandten mütterlicherseits im bischöflichen Worms. Später heiratete jedoch Aloysia Schwester Constanze in Wien. – Im März 1778 begaben sich Mozart und seine Mutter von Mannheim aus nach Paris, nachdem die Aussicht auf eine angemessene Anstellung in Mannheim durch die politischen Umstände – die Residenz musste aufgrund eines Erbvertrages nach München verlegt werden – vereitelt wurde. Aus Paris kam er 1778 über einen Umweg allein nach Mannheim zurück, da seine Mutter dort verstorben war. Die Stadt gab ihm Trost: „mit einem wort, wie ich Mannheim liebe, so liebt auch Mannheim mich“, schrieb er seinem Vater. Im Herbst 1790 streifte Mozart gemeinsam mit seinem Schwager Franz de Paula Hofer wieder auf einem Umweg von der Kaiserkrönung in Frankfurt kommend zum letzten Mal die Quadratestadt und das nahe Schwetzingen, wehmütiger Erinnerungen voll. Bei dieser Gelegenheit dirigierte er am 24. Oktober die Mannheimer Erstaufführung seiner Oper „Die Hochzeit des Figaro“, aufgeführt in deutscher Sprache im neuen Hof- und Nationaltheater.


Was Mozart nicht erlebt hatte, war die wirtschaftliche und industrielle Entwicklung der seit 1803 badischen Stadt, bald mit Hafen. Nicht erleben konnte er die immer wachgehaltene Erinnerung an ihn durch die hier erschienenen „wohlfeilen“ Ausgaben seiner Opern im Klavierauszug und die ersten Taschenpartituren im Verlag K.F.Heckel, die früh einsetzenden Gedenkkonzerte durch das Streichquartett des Nationaltheater-Orchesters, die 1931 erfolgte erste Gründung einer Mozartgemeinde, heute Mozart-Gesellschaft Kurpfalz. – Auch unser Spaziergang dient der Veranschaulichung eines Lebensabschnittes des Komponisten und der Erinnerung.


Seine Mannheimer Kompositionen sind bis auf die wenigen Flötenwerke allesamt „Freundstücke“, Klaviersonaten, Lieder, Arien, Violinsonaten und das Fragment einer großangelegten Konzertanten Sinfonie für sich selbst als Klaviersolist und den Konzertmeister Ignaz Fränzl als Violinsolist. – Um die Musik seiner Mannheimer Kollegen kümmert sich seit vielen Jahren liebevoll die Städtische Musikbücherei im Palais Dalberg N 3,4, zu Mozarts Zeit im Besitz des Barons von Sickingen. Das Denkmal Wolfgang Heribert von Dalbergs, mit dem Mozart mehrfach musikalische Kontakte hatte, steht heute der barocken Fassade gegenüber in N 2.


Zu Ihrer „Recréation“ sei der Besuch in einem Alt-Mannheimer Kaffeehaus in E 2, einem für Mozarts Zeit typischen zweistöckigen Mannheimer Barockhaus mit Mansarden, empfohlen.

Dr. Roland Würtz