Mozart in Worms


Wolfgang Amadé Mozart weilte nachweislich zweimal in der Freien Reichsstadt Worms. Im Sommer 1763 von Schwetzingen über Mannheim kommend auf dem Weg nach Mainz, übernachtete die Familie Mozart in Worms im Gasthaus „Schwan“ und speiste beim Domherrn Carl Friedrich Damian von Dalberg. Vater Leopold schreibt am 3. August an seinen Freund Lorenz Hagenauer in Salzburg: „Worms ist ein Altväterischer und durch die alten Franzosen=Kriege sehr verdorbener Ort. Es ist aber wegen der alten Begebenheiten der Dom, und sonderheitlich die Lutherische Kirche merkwürdig, wo Luther vor dem Consilio erschienen ist …“ Neben dem Baron von Dalberg nennt Leopold in seinen Reisenotizen noch einen Mr. Steiner. Ob er damit den katholischen Kirchendiener Joseph Steiner oder aufgrund eines Versehens, wie wir das immer wieder in Leopolds Reiseaufzeichnungen finden, den seit 1760 an der Lutherischen Dreifaltigkeitskirche tätigen, aus Thüringen stammenden Wormser Stadtorganisten Johann Theodor Greiner (1740-1797), die führende Musikerpersönlichkeit vor Ort, meinte, bleibt als Frage offen.


Auffällig ist, dass Wolfgang Amadé Mozart über seinen zweiten Besuch in der Freien Reichsstadt Worms Ende Januar/Anfang Februar 1778 kaum Worte verliert. Das Hauptaugenmerk bei der Reise hatte der Residenz des Fürsten Carl Christian von Nassau-Weilburg im nordpfälzischen Kirchheimbolanden gegolten, wo die Fürstin Caroline, eine Tochter des niederländischen Erbstatthalters, eine kleine, aber in Qualität wie Renommée beachtliche Hofmusik unterhielt. Vater Leopold, um das christ-katholische Seelenheil seines Sohnes fürchtend, war von dieser Reise in eine lutherische Residenz alles andere als begeistert, wie wir seinem Brief vom 4. Dezember 1777 entnehmen können: „In Weilburg habt ihr zu bedenken, dass ihr keine katholische Kirche finden werdet, da alles lutherisch oder calvinisch ist. Ich will also dass ihr euch da nicht zu lange aufhaltet.“ Sohn Wolfgang, der dem besorgten Vater in seinem Brief vom 4. Februar ausführlich über die Reise nach Kirchheimbolanden berichtet, kann dessen Bedenken zumindest teilweise zerstreuen, wenn er mitteilt, „…das unaussprechliche vergnügen mit grund=Ehrlichen, gut katholischen und Christlichen leüten in bekanntschaft gekommen zu seyn.“


Seine Informationen über den immerhin fünf Tage dauernden Aufenthalt in der ebenfalls lutherisch dominierten Freien Reichsstadt Worms sind vergleichsweise spärlich, ja fast beschwichtigend, spricht er doch lediglich vom Schwager Fridolin Webers, dem Herrn Dechanten des Andreasstifts, Peter Dagobert Stamm, „…der fürcht des H: webers spizige feder, da waren wir lustig, haben alle tage Mittags und Nachts beym H.Dechant gespeist, das kann ich sagen, diese kleine Reise war ein rechts Exercitium für mich auf dem Clavier, der H: Dechant ist ein rechter braver vernünftiger Mann. Nun ist es Zeit das ich schliesse, wen(n) ich alles schreiben wollte was ich dencke, so würde mir das Papier nicht klecken…“


Es ist reine Spekulation, was Mozart und die Weberischen in den fünf Tagen außer Essen und Trinken noch unternommen haben. Es liegt jedoch die Vermutung nahe, dass auch kräftig musiziert wurde und vielleicht der Herr Dechant ortsansässige Musiker hinzu gebeten hatte. Und was wäre nahe liegender als an die bereits oben erwähnte führende Wormser Musikerpersönlichkeit, den Stadtorganisten Johann Theodor Greiner, der auch die Streichinstrumente vortrefflich beherrschte und sich bereits seit Beginn der 70er Jahre mit seinen bei Hummel in Amsterdam gedruckten Sinfonien im besten „Mannheimer Gout“ ein vortreffliches Renommée verschafft hatte sowie an seine Mitstreiter aus der Ratsmusik zu denken? Und in diesem Kontext stellt sich dann auch die Frage, ob Mozart nicht auf Betreiben Greiners dessen Hauptinstrument, die allseits gerühmte zweimanualige Orgel mit insgesamt 26 Registern in der lutherischen Dreifaltigkeitskirche – die damals mit Abstand bedeutendste und prächtigste in der Freien Reichsstadt Worms – gespielt hat, die der aus Österreich eingewanderte, katholische Orgelbauer Johannes Mayer (1704-1757) in den Jahren 1730-32 errichtet hatte und in die 1773 noch unter Greiners Anleitung ein Glockenspiel eingebaut worden war.


Dr. Hans Oskar Koch