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33. Mozart-Musizierwoche 2010
Schloss Weikersheim
„Kammermusik, Generationen übergreifend“ ist das Motto dieses Kurses. Generationen übergreifend musizieren ist etwas, was früher in Familien selbstverständlich war und heute aus verschiedenen Gründen in der Gesellschaft seltener geworden ist. Die Intention und die Qualität der Ausführung dieses Kurses ist sicherlich ein wichtiges Verbindungsglied in der Kette aller Angebote musikalischen Erlernens, Weiterbildens und Praktizierens für jedes Alter.
„Ist Musik Sprache, so ist Kammermusik Unterhaltung“ und „ Musik verbindet“ sollen Leitmotive der didaktischen und pädagogischen Kursinhalte sein und den Kurs auch in seiner Struktur prägen. Gemeinsam erarbeiten und erleben wir ein Werk in seinem geschichtlichen und künstlerischen Kontext, wir diskutieren das Ideal, überlegen, wer auf welche Weise etwas dazu beitragen kann und wie wir es in der momentanen Verfassung des Ensembles am geeignetsten umsetzen können. Wir lassen unserer Phantasie freien Lauf und unterhalten uns über Ideen und Gefühle. Und das wohl bemerkt Generationen übergreifend! Die Menschen werden wahrgenommen und geachtet und gehen liebevoll und friedlich miteinander um. Musik verbindet!
Die üblichen Rangeleien, „zu hoch – zu tief, wer kann es schneller, virtuoser, schöner, wer ist der/die Beste – und: die weit verbreitete Einstellung, es allein zu wissen, wie es denn nun richtig sei - “ alle diese Zwistigkeiten, allgemein bekannt aus dem professionellen Musikbusiness und längst auch im Lager der Musikliebhaber gegenwärtig, finden hier keinen Anklang. Diese Verhaltensmechanismen haben nicht direkt mit Musik zu tun, sondern eher mit deren Präsentation und Verkauf.
Gute Musik zu machen, Gefühle differenziert, phantasievoll und vielseitig darzustellen, die Kraft der Musik, deren Bewegung, deren Verzauberung zu erleben und mit dem eigenen Spiel eindrucksvoll zu vermitteln, ist kein Privileg der Professioneallität. Amateure können das genauso.
Die Selbstverständlichkeit zu musizieren, um Musik zu hören und zu erleben ist seit der Verbreitung von Audiowiedergaben geschwunden. Wer Musik privat hören und erleben will, nützt in der Regel einen Tonträger. Warum also selber aktiv musizieren? Warum Kinder durch die anstrengenden und nervenaufreibenden Mühlen eines Instrumental- unterrichts treiben? Doch sicher, um deren Bildung, Phantasie und Kreativität im musikalischem Bereich zu fördern. Wo aber bleibt das Lernen von erfahrenen Musikern, beispielsweise in Kammermusik Generationen übergreifend?
Warum löst Popmusik und Volksmusik so einen Hype in der Gesellschaft aus, während klassische Musik nur bei einem bestimmten Publikum Anerkennung erfährt? Wo treffen oder überlappen sich die menschlichen Bedürfnisse an Musik mit deren Grundcharakteren Rhythmus, Melodie und Harmonie? Welche Resonanzen löst Pop und Volksmusik in den Menschen aus, und warum stößt klassische Musik ganz offensichtlich andere Resonanzen an?
Ist Pop und Volksmusik bessere oder schlechtere Musik? Oder bedient diese Musik hauptsächlich sehr direkt und einfach unsere ursprünglichsten emotionalen Bedürfnisse, wie Liebe, Freude, Trauer, Sehnsucht, Verzweiflung und Ekstase? Sie vermittelt undifferenzierte aber begehrte Emotionen in einer Art und Weise, die eben fast allen Menschen leicht zugänglich ist. Man bedenke die heute längst selbstverständliche visuelle Unterstützung und Stimulation in dieser Branche. Die Musik wird nicht differenzierter gestaltet um etwas intensiver auszudrücken, nein, sie wird ergänzt mit Bildern, ergänzt mit einem anderen Medium. Ausschlaggebend ist der Verkauf. Heute wird qualitativ hoch geschätzt, was sich gut verkaufen lässt. Die Masse macht es!!
In der klassischen Musik gibt es die Intention feine und differenzierte Inhalte sehr präzise darzustellen. Somit sind diese Inhalte wesentlich schwerer und aufwendiger zu verstehen. Je komplizierter und kompakter die kompositorischen Strukturen werden, desto elitärer und rarer sind die interessierten Zuhörer. Daher kommt es auch, das in der Regel mehr grauhaarige Zuhörer im Publikum eines klassischen Konzertes sitzen als junge Menschen. Mit dem Älterwerden der Menschen werden auch deren Bedürfnisse anspruchsvoller, differenzierter und vielseitiger. Hier entsteht eine Sehnsucht nach einem Pendant in der Musik. Ein sich Wiederfinden, ein sich Spiegeln in der einfachen Musik ist da nicht mehr möglich. „Kammermusik, Generationen übergreifend“ kann bei jungen Menschen ein Selbstverständnis im Umgang mit nicht auf Anhieb leicht erschließbarer Musik vermitteln.
Hier soll die Mozart Musizier Woche ihre Berechtigung erhalten. Früher wurde Kammermusik mit Erwachsenen selbstverständlich gemacht und ohne groß darüber nachzudenken wuchsen die jungen Menschen in eine kompositorische Struktur von Emotionen und Klang hinein. Heute sind Jugendliche oft auf sich selbst gestellt und haben keine Möglichkeit mit anderen erfahreneren Musikern Musik zu machen. Zudem haben Menschen reiferen Alters meistens keine Gelegenheiten sich vom jugendlichen Enthusiasmus inspirieren zu lassen.
„Kammermusik Generationen übergreifend“ ist eine Lücke in unserem Musikalischem Angebot. Es gibt massenhaft Kurse, Seminare und Workshops für Jugendliche wie für Senioren und es gibt Meisterkurse für angehende Profis. Aber der Aspekt des Lernens von einer anderen Generation, des Lernens von Menschen aus anderen Berufs und Bildungskreisen wird vergessen. Wir lernen durch Nachmachen und Infragestellen, durch Gespräche und Zuhören.
Unsere Dozenten gehen tief in die Basisstruktur von Kammermusik: Was will der Komponist, wie wurde in der Epoche gespielt, welche Charaktere, welche Gefühle sollen dargestellt werden, mit welchen harmonisch, rhythmisch und melodischen Mitteln wird gearbeitet, welche Klangstruktur hat das Werk und auf welche verschiedenen Möglichkeiten kann ein Ensemble dies umsetzen und gestalten. Dort arbeiten die Dozenten zusammen mit den Teilnehmern gezielt an dem alle Mitwirkenden verbindenden Element der Musik: Gemeinsam eine künstlerische Idee verwirklichen. Selbstverständlich werden die individuellen künstlerischen Bedürfnisse, wie auch die instrumentaltechnischen Herausforderungen an die Teilnehmer beleuchtet und je nach Wunsch diskutiert. Beispielsweise welche Technik von Nöten ist, um das Gewünschte darzustellen, wie der Einzelne sich verbessern kann, welche Möglichkeiten sich dazu in dieser Arbeitsphase und generell in der Umsetzung des Instrumentalspiels im Alltag bieten.
Alle Teilnehmer des Kurses musizieren zu gleichen Uhrzeiten, von Dozenten betreut sechst Stunden am Tag in jeweils drei unterschiedlichen Besetzungen. Abends können sie dann nach Lust und Laune frei musizieren. Es hilft jeder jedem, verbal oder tatkräftig, immer mit freundlichen Worten und in der Auseinandersetzungen immer konstruktiv.
Von freiwilliger Morgengymnastik über mittags mit den Jugendlichen Fußball spielen und abends gemeinsames Musizieren, bis hin zum geselligem Beisammensein mit Gesprächen, Billard und Kicker bilden Teilnehmer und Dozenten den ganzen Tag eine Gemeinschaft. Gekrönt wurde dieser Kurs auch dieses Jahr mit einem Dozentenkonzert und zwei wunderbaren Abschlusskonzerten der Teilnehmer.
Das gute Gelingen dieses Kurses und die Euphorie unter den Teilnehmern ist auch der Musik Akademie Schloss Weikersheim mit ihren fantastischen Räumen und sehr freundlichen, hilfsbereiten und professionellen Mitarbeitern zu verdanken. Alles in allem war es sehr gelungen und es wird deutlich, dass Musik heute mindestens 2 wesentliche gesellschaftliche Aspekte hat: Das Hören und das Praktizieren. Nicht mehr ausschließlich das Praktizieren um zu hören. Beide Aspekte sind jedoch voneinander abhängig und bedingen sich zudem gegenseitig. Das Praktizieren muss aber eine andere gesellschaftlichen Wertigkeit bekommen, verbindet es doch die Menschen, und wirkt aus dem Selbstverständnis des Tuns, mit seiner Ganzheitlichkeit in Phantasie, Kreativität, Emotionalität und Geschicklichkeit, vielen gesellschaftlichen Defiziten entgegen.
(Dozenten des Kurses: Für Klavier: Frau Prof. Viola Mokrosch (Osnabrück), für Violine: Herr Prof. Hauko Wessel (Osnabrück), für Klarinette: Dr. Zoltan Kovacs (Frankfurt), für Flöte: Herr Christian Reif, für Violoncello: Herr Jakob Schmidt)
Jakob Schmidt (Kursleiter)
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